Früher einmal war Haiti wichtiges musikalisches Zentrum der Karibik, das
Impulse erster urbaner Popmusik aus der Verbindung afrikanischer ritueller Musik
mit europäischen Einflüssen nach Kuba, Jamaica oder auch New Orleans
sandte.Die städtische Popmusik Haitis ist eigentlich seit 1957 und dem Bandleader Jean-Baptiste Nemours der Compás, auch Konpa genannt. Er ist ein Rhythmus, dem Meringue nicht unähnlich, der inzwischen so kommerziell standartisiert ist, daß Neues von ihm nicht zu erwarten ist. Rasin ist sein Gegenspieler, der seit Mitte der 80er Jahre eine Wiedegeburt erlebte und der sich sehr auf die haitianischen Roots bezieht. Rasin Music oder auch Mizik Rasin ist aber auch Musik von sozialem und politischen Engagement. Rasin, sagte ein Mitglied der ersten Rasin Music Gruppe Boukman Eksperyans,' Rasin ist der nächste Reggae. Die Spiritualität ist da und die Politik.Wir sprechen hier über Revolution.' Gesprochen wird auf Haiti ein kreolischer Dialekt , der 1987 neben Französisch in der Verfassung zur gleichwertigen Landessprache erhoben wurde. Die meisten haitianischen Künstler singen in dieser Sprache - auch wenn es - wie unter den Militärs- verboten war. Dieses Kreyól aus französischem und afrohaitianischem war entstanden, nachdem 1697 die einstige Insel Hispaniola zwischen Spaniern und Franzosen aufgeteilt worden war. Nahezu dreihundert Jahre nach dieser Teilung gab es nun dieses Festival , das als Bayoun Rasin Festival im Sommer 1995 in einem Fußballstadion von Port au Prince stattfand - nach dem Ende der Diktatur der Duvaliers und nach Ende der auf Aristide gefolgten Militärherrschaft . Für viele Musiker , Sängerinnen und Sänger war dies der erste öffentliche Auftritt seit langem. Von vielen hatte es vorher noch nicht einmal Aufnahmen gegeben, und andere waren erstmals seit langer Zeit in ihre Heimat zurückgekehrt. Die lange Zeit verborgener Aktivitäten auf der einen und die Wiederbegegnung von Stars wie Wyclef Jean mit ihren Leuten und Kollegen auf der anderen Seite ließ dieses Festival zu einem sehr intensiven Bekenntnis der Haitianer zu ihrer Kultur und ihren politischen und gesellschaftlichen Vorstellungen werden. Gleichzeitig aber war es wohl auch für Musiker und Ton-Techniker oft ein Kampf mit Unerfahrenheit, Alkohol und überschäumenden Gefühlen. Rasin Music fängt das auf. Hier und da ein falscher Ton, ein falscher Einsatz, ein kaputtes Mikro - das ist Live und Spiegelbild des Lebens auf Haiti. Es
hat in der jüngeren Popmusik Haitis einige Musiker und Bands gegeben, die
für nachfolgende Generationen prägend waren, wie die Minidjazz Bands
oder Jean Baptiste Nemours. Viele waren über all die schweren Jahre in Haiti
geblieben, andere wie die Tabou Combo waren nach Amerika ins Exil gegangen. Papa
Jube, Tchaka, Pelen, Rara Machine, John Steve Brunaché, Boukan Ginen, Boukman
Eksperyans - sie leben heute in Canada und den USA, wie auch der Produzent und
Initiator des Festivals Jean Jean-Pierre, der 1970 mit der Bossa Combo in Port
au Prince debutierte und 1974 in die USA emigriert war und seither als Musiker,
Arrangeur sowie Journalist für die Village Voice tätig ist. Auf Haiti
lebende Bands wie Foula oder Ram haben dort nicht ausreichend Jobs um allein von
der Musik leben zu können. Einige Bandmitglieder sind deshalb ständig
in den USA, um in anderen Bands zu jobben.Es gibt auf Haiti neben Rasin und Konpa zwei weitere Begriffe, die weithin bekannt und Wurzeln des Rasin sind. Rara und Vodou. Rara hat seine Wurzeln im haitianischen synkretistischen Vodou, dessen schwarzer Magie sich bekanntlich selbst Papa und Baby Doc bedienten. Rara ist Rhythmus, Fest und Gruppe, der an Aschermittwoch
erst zum Leben erwacht und bis Ostersonntag an jedem Wochende die Straßen
belebt: Afrikanisches Trommeln, Chöre im Ruf und Antwortschema und die Vaccines
(Vaksin), Bambusrohre, die wir kurze Didgeridoos gespielt werden und die Trumpets,
die Trompeten aus Blech, die aussehen wie abgesägte alte Benzintrichter.
Dies sind hervorstehechende Merkmale dieser eher ländlichen fokloristischen
Szenerie, die die katholischen Kirchenfürsten einst die Musik des Teufels
nannten. Vodou, das ist noch heute etwas Geheimnisvolles, viel komplexeres als
afrobrasilianische Macumba oder Candomble oder kubanische Santeria. Vodou ist
zumindest in Rasin-Rhythmen wie Ibo, Congo, Yanvalou, Mayi, Petro oder Djoumba
sehr präsent. Vodou ist natürlich auch ein wichtiger Lebensmittelpunkt
der Haitianer, für die diese Musik gemacht wird und für die dieses Festival
veranstaltet wurde.Bouyon Rasin hat seit seiner Premiere 1995 keine Nachfolge-Veranstaltung gefunden. Umso mehr ist es für uns wichtig, Ausschnitte daraus auch als Zeitdokument zu veröffentlichen. MORE INFOMATIONS IN BOOKLET, WRITTEN BY GAGE AVERILL * Rootssoup by Gage Averill Index of BOUYON RASIN : 1. RAM Ezuli (Kandjo) 2. BOB BOVANO Mpa dwe (Bob Bovano) 3. SIMBI Nou la (Stan Kalman) 4. BOUKAN GINEN Pale Palew (Eddy Francois & Evans Seney) 5. WAWA & RASIN KANGA Priyh Ginen (J.M.Forterey) 6. PAPA JUBE Anbago (Papa Jube) 7. BOUKMAN EKSPERYANS Legba (D.Beaubrun) 8. CELIA CRUZ Gede Zaryen (Trad.) 9. CELIA CRUZ Bemba Colora (José Claro Fumero) 10. KOUDJAY Rara (Sanba Kessy) 11. YANICK ETIENNE Lakou (Trad.) 12. FOULA Kaminizye (Wilfrid Lavaud) 13. MARTHA JEAN-CLAUDE Map Prale (Trad.) 14. WYCLEF JEAN with Papa Jube Band Improvisation (Wycleff Jean) 15. JOSE EL CANARIOALBERTO La Gitana ( Trad.) 16. SANBA ZAO & SIMBI YO Djaye (Sanba Zao) 17. RARA VODOULE Rara Vodoule (Rara Vodoule) 18. KANPECH Pale Yo (Fredo) | |